Das Semester schreitet fort

So nach und nach schleicht sich nach der Umstellung meines Stundenplans (so einiges wird in good old germany trotz Bologna-Reform nicht angerechnet; war irgendwie vorhersehbar) ein kleines bisschen Alltag, nennen wir es eher Routine, in mein Leben ein. Hier also ein kleiner Abriss über meinen typischen Donnerstag:

8:00 h der Wecker schrillt, mir ist das relativ egal, ich drehe mich noch einmal um.

8:30 h der Wecker schrillt nicht, was ein Glück.. dennoch bin ich irgendwie wieder wach und denke mir dass es eingentlich viel zu früh ist

9:00 h der Wecker hat seinen Geist aufgegeben. Um mich zu duschen, ein kleines Frühstück aus ungenießbarem Weißbrot, das in viel zu dicken Scheiben geschnitten ist (ich sollte wirklich den Euro mehr ausgeben um gescheites dünnes Schwarzbrot zu kaufen), etwas Margarine und gutem hartem Käse besteht zu mir zu nehmen, entspannt zur U-Bahn loszulatschen und in der Uni noch ne Bica (Käffchen, ganz klein) müsste ich mich jetzt aus dem Bett bequemen. Mir ist das egal, ich drehe mich für fünf minuten nochmal um; auf das Frühstück kann ich ja verzichten.

9:30 h Aaaaaarg, ich müsste schon längst auf dem Weg sein und komme jetzt erst aus dem Bett!! Schnell Klamotten gesucht, Katzenwäsche, Weißbrot ohne Belag auf die Faust, Sonnenbrille nicht vergessen und ab die Post, jetzt ist schon allerletzte Eisenbahn!

9:40 h Mist, Metro verpasst, 5 Minuten Warten.

9:45 h endlich kommt die U-Bahn, leider ist sie nur viel zu voll… Nuja, wat mutt dat mutt! Also rein und noch nen Stehplatz im Gang erkämpfen.

9:59 h Grade so komme ich noch pünktlich zu ‘Historia da Arte Portuguesa’ (Geschichte portugiesischer Kunst); nur der Prof hat wie immer mit seinem Rechner und dem Beamer zu kämpfen. War von vornherein klar. Umsonst abgehetzt.

10:20 h Endlich fängt er an, nebenbei konnte ich noch schnell die letzten Sachen für die nächste Stunde vorbereiten,hält mich wenigstens ein 70-minütiger Vortrag über die kleinen Unterschiede zwischen Zisterziensergotik und normaler Gotik wach. Beziehungsweise: ich versuche mich währenddessen wach zu halten.

UCP Lisboa11:32 h Es war klar, der Kerl überzieht mal wieder und der andere Kurs fängt eigentlich jetzt schon an. Da lob ich mir das akademische Viertel! Das ist wohl einer der besten Exporte deutscher Unis den ich mir vorstellen kann.

12:17 h Inzwischen bin ich durch die halbe Fakultät gerannt (zum Glück ist die nicht so groß). Nun sitze ich seit fast einer 3/4h in einer Art Schulklasse und höre mir an, welche pädagogischen Tricks man an einer Uni so alles anwenden muß, um sich bei den Schülern, pardon: Studierenden Gehör zu verschaffen – Uni hier hat echt was von Schule.

13:20 h Endlich konnten wir uns durch die Schlange in der Mensa zu was zu Essen und einem Sitzplatz kämpfen. Mmmmh.. Heute stehen lecker Rosenkohl, Schinken-Käse-Quiche und frittiertes Hähnchen auf dem Tablett. Nur fehlt wie immer Salz; dank eines grandiosen Gesetzes wird das Kantinenessen sehr gering gewürzt und die 4 Salzstreuer, die in der Mensa existieren, sind meistens unauffindbar. Aber Essen ist Essen.. und ich hab Hunger.

14:45 h Mein Lieblingskurs. Portugisisch für Erasmusstudierende. Unsere wunderbare Dozentin Sra. Casanova erzählt uns heute zum 5. mal die unterschiede zwischen Kaffe, Kaffe und Kaffe, wie ein typisch Portugiesisches Mittagessen auszusehen hat (Suppe und Hauptgericht und als Nachspeise eine Frucht – egal welche, hauptsache Frucht), wie man das Wort ‘sein’ zu deklinieren hat und warum die deutsche Grammatik so schrecklich ist, daß sie dafür an uns Rache nehmen muß. Welche Freude hier zu sein und nichts, wirklich gar nichts Neues zu lernen.

17:13 h Die Uni ist endlich lang vorbei, ich sitze an meinem wundervollen Fenster mit Aussicht und wundere mich, warum mein Nacken so brennt. Die Sonne ist um diese Uhrzeit doch schon ziemlich heiß. Meine estnische Mitbewohnerin rät mir grade, ich solle doch die Jalousie herunterlassen. Wäre ja eigentlich ne klasse Idee, dann würde ich wenigstens keinen Sonnenbrand im Nacken bekommen; nur hätt ich dann keinen so grandiosen Ausblick mehr. Leiden oder keinen schönen Ausblickmehr? Hehe, Ausblick muss sein – die Rollos können noch bis April warten, da wirds erst richtig heiß.

19:20 h Nach 3/2h kommen mein Kommilitone Felix, unser Italiener Kollege Marko, mein Mitbewohner Kris und meine Wenigkeit von 16 Kurzfilmen betäubt aus dem Cinema São Jorge getorkelt. Wir waren  auf ‘Monstra’, dem diesjährigen Animationsfilmfestival in Lissabon. Und so langsam treibt uns der Hunger zum Supermarkt und schließlich zu Champignon-Zwiebel-Rüben-Geschmurgeltem an scharfem Reis. Mmmmh… so nen Gasherd muss man ausnutzen, wenn man ihn schonmal da hat.

23:30 h Nach üppigem Mahl treffe ich mich mit einer portugiesischen Kommilitonin um ein paar O-Töne für den Radio-Kurs aufzunehmen. Thema diesmal: Fado. Also auf zu einer traditionellen Fado-Bar um die SängerInnen und GitarristInnen zu interviewen. und ich darf auf der Aufnahme den dummen Touri mimen, fein fein fein.

01:30 h Grade schlappe ich durch die Wohnungstür und falle absolut fertig vom Tag ins Bett. Das mit den Fado-Bars hat (natürlich) nicht geklappt, hatten alle schon zu. Nuja, das lässt auf keine gute Stimmung im Kurs morgen hoffen, aber weiß ich jetzt wie es ist, mit dem Auto durch Lissabon zu cruisen. Und es ist wie angenommen: FURCHTBAR! Autoscooter am Nürnberger Volksfest ist Pillefitz dagegen. Zum Glück lebe ich noch und darf mich auf mein Bettchen freun. Aaaa… endlich hinlegen. Ein Tag auf Achse ist schon verdammt anstrengend – aber morgen gehts weiter, die Woche ist noch lang nicht vorbei.

In diesem Sinne,

Boa Noite

Azuleijos in Coimbra

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Eine Antwort zu „Das Semester schreitet fort“

  1. Uni und Grundschulen « Leipzig-Lisboa Connection sagt:

    [...] erst um 10.00h aus dem Bett, dennoch torkele ich schlaftrunken zur U-Bahn (wie genau ist hier am besten beschrieben) und setze mich, in der Uni angekommen, unauffälig an einen Fensterplatz. [...]

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